Montag, 9. März 2009

Unbeschreiblich süsse Beeren




Heute möchte ich meinen Eintrag mit einer Entschuldigung beginnen, mit einem " Es tut mir leid."
In meinem Lob der Früchte, für das mir immer neue Titel einfallen - ( zuletzt freundete ich mich mir der Idee an, es " Trost der Traube und ihrer Geschwister " zu nennen), - das gerade redigiert wird, erwähne ich auch den russischen Dichter Warlam Schalamov.
Seine verdichteten Momentaufnahmen aus Kolyma, wo er viele Jahre in Straflagern verbracht hat, sind nicht gerade das, was das Vertrauen in unsere menschlichen Mitbrüder stärken kann.
Vor bald zwanzig Jahren waren sie mir das erste Mal begegnet, und ich hatte sie als durch und durch negativ, menschenverachtend, wenn auch auf ihre Weise unbestechlich und wahr in Erinnerung.
Und jetzt, nachdem ein lieber alter Herr(93) mit ganz klarem Kopf seine Bücher Stück für Stück verschenkt, fiel mir die sehr gelungene Übersetzung von Gabriele Leupold in die Hände: Ich blättere in das Buch rein, blieb an einem Titel hängen: BEEREN.
Da erleb ich plötzlich, wie in diesen finsteren Aufzeichnungen aus der  Kalt - Hölle, etwas Poetisches durchschimmert, etwa so, wie wenn auf das Federkleid eines Raben plötzlich , unter
den Strahlen der Sonne, eine unerwartete Vielfalt von Farben sichtbar wird: " Ich aber sah die dunkle Schönheit des Raben..."
Bei Schalamov, diesem Verbitterten, hätte ich, in dieser Winterlandschaft nie und nimmer, diese für einen Augenblick aufblitzende Einsicht, in die verborgene Süsse der Natur und letztendlich des Lebens, erwartet. 
Verzweifelt ist er nur über das MenschenTier, nicht über die GottesNatur:
(Ich verweise auf meinen Eintrag " Frost und Frucht, wo es auf viel prosaischere Weise darum geht, wie große Kälte Früchte zu ganz einzigartigen Geschmackserlebnissen für uns macht!)

" Der gefallene Schnee war längst vom Wind verweht. Das kalte bereifte Gras fühlte sich rutschig an und wechselte bei der Berührung einer menschlichen Hand die Farbe. Auf den Erdhöckern erstarrte die niedrige Berghagebutte, ihre dunkelvioletten gefrorenen Früchte waren von erstaunlichem Aroma. Noch schmackhafter als die Hagebutte war die Preiselbeere, vom Frost berührt, überreif, graublau... An kurzen geraden Zweiglein hingen Heidelbeeren, von einem kräftigen Dunkelblau, runzelig wie ein leeres Lederportemonnaie, doch noch immer voller dunklem, blauschwarzen Saft von unbeschreibbarem Geschmack.
In dieser Zeit, wenn sie Frost bekommen, unterscheiden sich die Beeren sehr von den Beeren der Reife, den Beeren der saftigen Zeit. Ihr Geschmack ist wesentlich feiner. ...
...ich aß die Beeren selbst, drückte jede Beere behutsam und gierig mit der Zunge an den Gaumen, und der süße duftende Saft der zerquetschten Beere betäubte mich für einen Moment. ..."

Eine Szene, die mich tief berührt - die den wahren Dichter als Liebhaber des Lebens und der Natur  verrät, auch wenn es vordergründig scheint, als ob dieses Idyll nur  kontrastreiche Kulisse darstellt für einen kaltblütigen Mord, der sozusagen, en passent passiert...
die Schönheit und Magie, ja die Süsse dieser Ödnis hat Schalamov unnachahmlich eingefangen .
Etwas, dass ich ihm im Gegensatz zu seinem Freund Pasternak abgesprochen hatte.
Ich leiste Abbitte - in diesen Augenblicken, wo er uns selbst in dieser unwirtlich - extremen Landschaft spüren lässt, dass auch sie einen winzigen Abglanz vom Paradies in sich trägt,
offenbart sich auch inmitten dieses   äusseren Wahnsinns sein Eingeweiht - Sein in das mystische Welt -Erleben.

Wer mir zustimmt, melde sich.
Die Liebe zur Welt ist nicht platonisch,
sie geht tatsächlich durch den Magen!





1 Kommentare:

  1. Hallo Joseph !

    Ich kenne leider weder den Dichter noch viele Früchte, die erst nach dem frost so richtig gut werden.

    Was mir einfallen würde wären:
    - Schlehen (noch nicht probiert aber vergangenes Jahr als Strauch gepflanzt)
    - Asperl oder Mispel (vergangenes Frühjahr gepflanzt & hatte im Herbst bereits mehlig-säuerliche Früchte).

    Dass die Liebe zur Welt (auch) durch den Magen geht, darin kann ich dir zustimmen bzw kann ein gutes Essen sehr versöhnen. - Bin da aber nicht so bei den Früchten...

    Liebe Grüße,

    Andreas

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